Ich habe kürzlich erfahren, dass eine Kollegin sich eine einjährige Auszeit nimmt, für eine Weltreise. Wie bitte, was? Ein Jahr?? Um die Welt??? Was soll das denn????

Na gut, ok. Ganz so schockiert war ich nicht. Es ist nicht so, dass mir das Phänomen “Auszeit für Weltreise” komplett neu wäre. Es ist auch bei etventure nicht das erste Mal, dass so etwas passiert.

Aber nachdem die üblichen Sprüche ausgetauscht waren (“spätestens nach vier Wochen wirst du unser langsames Internet vermissen”), ging ich dieses Mal nicht wie sonst üblich zum Tagesgeschäft über. Stattdessen fing ich an zu grübeln.

Ich war nie jemand, der unbedingt „die Welt sehen wollte“. Nicht aus Ignoranz. Eher aus Pragmatismus. Es gab einfach immer zu gute Gründe gegen das Reisen als sich ernsthaft damit zu beschäftigen. “Kein Geld” wurde irgendwann zwischen 25 und 30 relativ fließend durch “Keine Zeit” abgelöst. Und nie hinterfragt.

Was ist eine Reise wert ?

Ich habe grundsätzlich sehr gute Erfahrung mit Reisen. Rein subjektiv gesehen nehmen die Reiseerinnerungen in meinem Kopf proportional viel mehr Platz ein als die Alltagserinnerungen. Das heißt, wenn ich den Wert meines Lebens nicht an meinem Besitz messen würde, sondern an der Vielfalt meiner Erinnerungen, dann wäre das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei einer Reise deutlich höher als beispielsweise bei einem Auto. Und trotzdem investieren viele Menschen deutlich mehr Geld in ihre Autos als in ihre Reisen. 

Wenn man sich das mal etwas genauer anschaut, wird es im wahrsten Sinne des Wortes abgefahren. Je nach Reiseziel und Anspruch kommt man angeblich mit 15.000 Euro entspannt in 12 Monaten einmal um die Welt. Auf der anderen Seite geben die Deutschen in ihrem Leben durchschnittlich 116.900 Euro für Autos aus. Inkl. Versicherung, Steuern, Reparatur und Benzinkosten sind es knapp 300.000 Euro. Das heißt allein gemessen am Budget könnte man etwa 20 Jahre um die Welt reisen, wenn man im Gegenzug komplett auf ein Auto verzichten würde.

“One day baby, we’ll be old. Oh baby, we’ll be old. And think of all the stories that we could have told” – Asif Avidan & The Mojos

Schnell! Was waren deine fünf eindrücklichsten Erlebnisse letztes Jahr? Wie viele davon haben auf einer Reise stattgefunden? Und wie viele in deinem Auto? Und was bedeutet das für die ganz persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung deines Lebens? Man muss ja nicht gleich die Autoträume ad acta legen und stattdessen zwei Jahrzehnte lang in Hostels übernachten. Aber die meisten Menschen – mich eingeschlossen – verzichten nicht einmal auf ein paar Autowäschen und ein Set neue Reifen, um sich wenigstens einmal die Welt anzuschauen. Das Problem ist bei vielen nämlich irgendwann nicht mehr das Geld sondern die Zeit.

Wenn nicht dann, wann jetzt?

Mit 25 Tagen Urlaub im Jahr kommt man nicht weit. Selbst die geschicktesten Brückentags-Junkies werden es damit nicht entspannt um die Welt schaffen. Und komplett raus aus dem Job? Am Anfang der Karriere ist man zwar ungebunden aber mittellos. Und irgendwann hat man sich dann doch eine Karriere aufgebaut. Die möchte man nicht aufs Spiel setzen. Und selbst wenn man selbst dazu bereit wäre, müsste der Partner das ja auch sein. Und mit schulpflichtigen Kindern ist das Thema dann endgültig durch.

Ist das also der Deal? Ich tausche heute einen Großteil meiner Zeit für Geld ein, welches ich zur Seite lege. Und dann hoffe ich, dass ich es später nutzen kann, wenn ich wieder Zeit habe? Also in ca. 35 Jahren, wenn ich in Rente gehe. Falls ich in Rente gehe. Falls dann überhaupt noch irgendwer in Rente geht. Aber gut, soziale Absicherung in der Zukunft kann man sicher nicht in einem Absatz abhandeln. Das müssen wir uns später anschauen.

“Das Reisen bildet sehr; es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung. “ – Immanuel Kant

Warum gibt es keine Reisepflicht?

Werden Vorurteile und mangelnde Bildung nicht regelmäßig als Hauptverantwortliche der gesellschaftlichen Schieflage ausgemacht? Wie kommt es dann, dass das Reisen nicht subventioniert wird. Wieviele Leute kennt ihr, die einmal um die Welt gereist sind und zurück in Deutschland dann angefangen haben Ausländer zu beschimpfen oder Autos anzuzünden. Die Menschen sollten vielmehr reisen.

Genauso wie die Schulpflicht sollte es auch eine Reisepflicht geben. Als Teil einer guten Bildung. Klick um zu Tweeten

Aber es wird nicht subventioniert. Und so kann ich mir ausgiebiges Reisen nicht leisten. Weil es nämlich nicht nur Geld sondern auch Zeit kostet. Und damit ich nicht noch Jahrzehnte warten muss, bis ich das liebe Geld ausgeben kann, muss ich es am Besten heute für etwas ausgeben, was mich nicht zusätzlich auch noch Zeit kostet. Ein Auto zum Beispiel. Nur leider ist der Reiz verflogen. Ich kriege kein Herzflattern und erblasse vor Neid, wenn jemand mit einem Sportflitzer oder einer Luxuslimousine um die Ecke kommt (außer vielleicht bei einem Tesla, aber das hat andere Gründe). Als ich hingegen von der Weltreise meiner Kollegin erfuhr, da habe ich trotz allem Pragmatismus einen klitzekleinen Hauch von Neid gespürt.

Ich habe kürzlich einen kurzen Beitrag von David Precht zu diesem Thema gesehen. Er bringt die Kernfrage auf den Punkt:

Brauchen wir eigentlich mehr Zeug… oder eher mehr Zeit? – Richard David Precht

 

 

Darf man das eigentlich ?

Ehrlich gesagt habe ich das Gefühl, dass er mit dieser Frage nicht die Ausnahme bleiben wird. Digitalisierung, Streaming, Leasing und Sharing Economy haben bereits jetzt dazu geführt, dass sich unsere Werte verschieben. Es geht immer weniger um den Besitz – einer CD, einer Wohnung oder eines Autos – sondern immer mehr um das eigentliche Erlebnis. Früher hatte man zu wenig Geld, um sich alle Alben leisten zu können, die man gerne hören wollte. Heute hat man zu wenig Zeit. Darauf wird die Gesellschaft reagieren müssen. Egal ob in Bezug auf Geschäftsmodelle, Arbeitsbedingungen, Bildung, Entertainment oder Lebensräume. Die Menschen werden sich Räume schaffen für Erlebnisse und für Besitz bleibt immer weniger Platz. Und es wird sich zeigen, welche Art von Erlebnissen unsere Gesellschaft in Zukunft fördert. Wird es eher der schnelle Dopamin-Kick, weil uns für alles andere die Zeit fehlt oder schaffen wir Luft für eine erfrischende Dosis Serotonin.

Es gibt so viele tolle Initiativen, die sich mit den Themen Achtsamkeit, Vielfalt und Offenheit beschäftigen. Egal ob politisch, technologisch, sozial oder wirtschaftlich. Und viele davon haben im Kern etwas gemein: Weniger konsumieren, mehr erleben!

Weniger “Geiz ist Geil” und “3-2-1-Meins” und mehr “Zur Sonne zur Freiheit”. Klick um zu Tweeten

Ich weiß nicht, wie sehr das für Menschen in anderen Lebenssituationen nachvollziehbar ist oder überhaupt Sinn macht, aber für mich ganz persönlich hat sich ein klares Ziel herauskristallisiert. Ich möchte mit meiner Familie zusammen die Welt anschauen. Nicht im eigenen Auto und nicht erst in 35 Jahren. Die Rahmenbedingungen sind Stand heute sicher nicht die einfachsten. Aber es gibt einige sehr inspirierende Beispiele von Familien, die dieses Ziel trotzdem in Angriff genommen haben und dafür mit vielen wertvollen neuen Erinnerungen belohnt wurden. Wenn du dich dafür interessierst, klick dich einfach mal durch die folgende Linksammlung:

Da kommt man leicht ins Träumen. Und da jede große Reise ja sprichwörtlich mit einem kleinen Schritt beginnt, fahren wir jetzt auch los. Mit dem Wohnwagen. Zu Viert. Durch Deutschland. Die Zeit nehmen wir uns. Hast du einen guten Tipp?

 

Zeit ist das neue Geld
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2 Gedanken zu „Zeit ist das neue Geld

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