Hallo, ich bin neu hier und mache direkt mal etwas Unübliches. Ich gebe zu, dass ich keine Ahnung habe. Trotzdem würde ich mich (nach Dr. Winfried Felsers Aufruf zur Blogparade) gerne zum Thema NewWork einmischen.  

Aber ein paar kurze Worte vorab, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Auch wenn ich im engen Bekanntenkreis mittlerweile als Blogger gefeiert werde, weil ich zwei Artikel zu voneinander völlig unabhängigen Nischenthemen veröffentlicht habe, halte ich mich mit dieser Bezeichnung noch zurück (zumindest bis einer der Artikel die 50 Pageviews geknackt hat). Eigentlich hatte ich bis vor Kurzem nicht vor, meine eher unspektakuläre Meinung, in die Welt hinauszutragen. Die Leute, die ihr halbes Leben auf den Kopf gestellt haben, damit sie ihren Lebensunterhalt mit Affiliate Links verdienen können, habe ich nie beneidet. Ich bin kein digitaler Nomade, plane (in absehbarer Zukunft) kein Online Business* und habe auch sonst generell kein gesteigertes Mitteilungsbedürfnis.

Und trotzdem habe ich irgendwann zwischen zweitem Kind und Hauskredit angefangen darüber nachzudenken, wie ich künftig leben möchte. An den 52 Wochenenden im Jahr und an der Zeit zwischen “Kind-im-Bett” und “Mist, nur noch 6 Stunden Schlaf” möchte ich gar nicht so viel ändern. Das bedeutet für mich, dass ich für den größtmöglichen Effekt auf mein Familienleben bei meinem Arbeitsalltag ansetzen müsste. Und sobald man erst einmal anfängt, sich ein wenig damit zu beschäftigen, landet man nach Digitalisierungs-Horror-Szenarien und Goodbye Deutschland irgendwann auch bei NewWork.

Es ist nicht so, dass mir erst letzte Woche bewusst wurde, dass es noch etwas anderes als die 40h-Woche am Büro-Schreibtisch gibt. Ganz und gar nicht. Zur bunten Auswahl der alternativen Initiativen, die mich interessieren, gehören das Konzept der Teal Organizations von Frederic Laloux, die Transition Towns von Rob Hopkins, Selbstversorgungsexperimente, ReGen Villages von James Ehrlich, Bedinungsloses Grundeinkommen oder Results Only Work Environments.

Aber so richtig eingetaucht in die Materie bin ich erst in den letzten Monaten, nachdem ich insbesondere in den sozialen Medien immer öfter auf Ideen und Organisationen gestoßen bin, die die Zukunft der Arbeit anscheinend ernsthaft mal fix revolutionieren wollen.

Je mehr ich recherchierte, desto häufiger stieß ich auf den Begriff NewWork. Irgendwie passiert da draußen schon viel mehr als ich unserer Gesellschaft zugetraut hätte.  

Aber dann – noch ehe ich Frithjof Bergmann buchstabieren konnte – wurde die ganze Bewegung als elitärer Scheiß enttarnt (danke Hendrik Epe) und dann komplett dekonstruiert (danke Mark Lambertz). Und so stehe ich nun da und frage mich, was mir alle diese herrlichen theoretischen Erkenntnisse bringen. Eben wollte ich noch mit jedem #NewWorker persönlich das sinnstiftende Hochbeet im Eckbüro anlegen und jetzt ist die sprichwörtliche Sau schon wieder ohne mich durchs Dorf gerast, bevor der Trend überhaupt zum Trend werden konnte. Denn abgesehen von ein paar Digitalisierungsheinis mit einem Tick zu viel Zeit (und da zähle ich mich selbst dazu) interessiert sich aktuell kaum jemand für die neue Arbeit. Im Februar 2017 wurde in Deutschland lediglich 1.300 mal nach “New Work” gegoogelt. 14 mal weniger als nach “Digitalisierung”. Ich schätze, da haben ein paar Leute das Memo nicht bekommen.

Überraschend ist das nicht. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Denn über eine neue Vorstellung von Arbeit kann man sich ernsthaft erst Gedanken machen, wenn das aktuelle Leben einigermaßen geregelt ist. Ich bin mittlerweile in der komfortablen Situation, in der ich mir ein Nachdenken über “New” leisten kann. Ich habe eine fröhliche Familie, ein eigenes Eigenheim, ein Auto, keinen Hund und ein gesichertes Einkommen. Jetzt, aber wirklich erst jetzt, wären ein bisschen mehr Freizeit und ein Job, bei dem man die Welt retten kann, eine hervorragende Ergänzung.

Ich habe keine Ahnung welche Sorgen, Nöte und Wünsche Friseure, Bauarbeiter, 3D-Animatoren, Theaterschauspieler, Kita-Erzieher, Zirkusartisten, Anwälte, Ärzte oder Polizisten in Ausbildung gerade haben und wie die sich ihr New Work, New Life, New Self, New Hastenichtgesehen in Zukunft vorstellen. Aber für mich als Kind, Freund und Verteidiger der Digitalisierung werden die nächsten Schritte auf dem Weg zum New-Mitarbeiter des Monats vermutlich folgendermaßen ablaufen.

Informieren

Bevor ich losrenne, möchte ich wissen, wohin. Zumindest grob. Ich habe mich wie bereits angedeutet sehr intensiv mit verschiedenen theoretischen Konstrukten beschäftig. Aber die sind vermutlich nur so ungefähr die Spitze des Eisbergs. Zwischen Taylor und Laloux liegt ziemlich genau ein Jahrhundert Organisationsevolution. Das kann man nicht mal schnell in 160 Zeichen zusammenfassen. #ChallengeAccepted

Vom Fließband Prozess zum fließenden Prozess in nur 100 Jahren. Arbeit im Wandel. #NewWork Klick um zu Tweeten

Das heißt bevor ich ein konkretes Bild davon habe, wem welche Art von Änderungen wie und warum nützt und welche Rolle man dabei persönlich übernehmen kann, muss ich noch ein bisschen mehr lernen. Vorzugsweise über konkrete Fallbeispiele. Denn eine Theorie ist so lange nur eine Theorie bis sie in die Praxis umgesetzt wurde.

Und es geht mir dabei nicht darum, dass bestehende System zu verteufeln, und auf Anhieb die perfekte Alternative zu entdecken. Es gibt viele Dinge, die jahrzehntelang hervorragend funktioniert haben und immer noch funktionieren. Die 40-Stunden-Woche war zu einer Zeit, zu der es weniger Angebot als Bedarf gab, ausschlaggebend für die Wohlstandsgesellschaft, in der wir uns heute befinden. Nur weil sehr viele Menschen nach sehr klaren Regeln sehr viel gearbeitet haben, sind einige von uns mittlerweile in der Situation, die Frage nach dem Sinn stellen zu können. Und ganz unabhängig davon schaffen auch jetzt viele Unternehmen für viele Menschen auf traditionelle Weise sehr viel Mehrwert. Auch die, die keinen so guten Ruf haben: Die Deutsche Bahn, die Telekom, Facebook, 9Live.

Mein Wunsch ist es daher vielmehr anhand von konkrete Beispielen zu verstehen, welche Ideen sich unter dem Label NewWork sammeln und tatsächlich in der Praxis angewendet wurden und werden. Dazu gehören einerseits die erfolgreichen Ansätze der Demokratisierung von Arbeit im brasilianischen 3.000-Mann-Unternehmen von Ricardo Semler oder das flexible Arbeitszeitmodell der deutschen 30-Mann-Agentur Dark Horse. Aber andererseits kann man auch von den weniger erfolgreichen Geschichten sehr viel lernen, wie zum Beispiel der Versuch, allen Angestellten das gleiche Gehalt zu zahlen bei Gravity Payments oder die mittlerweile wieder abgeschaffte Home-Office-Policy bei Yahoo. Wichtig ist, es gibt hier nicht nur schwarz oder weiß. Man kann nicht nur entweder Biofood kaufen oder mit dem Flugzeug fliegen. Es gibt eine breite Palette dazwischen und man kann versuchen sich anhand eines umfangreichen Informationsspektrums in die richtige Richtung zu bewegen.

Visionieren

Ich glaube, das ist gar kein richtiges Wort (außer in der Schweiz). Aber trotzdem passt es. Ich möchte wissen, worauf ich hinarbeiten kann. Worauf es sich hinzuarbeiten lohnt.

Wie kann mein Leben in fünf Jahren aussehen, im Hinblick auf meinen Job, meine Familie, meine Wohnung, meine Technologien, meine Mobilität, meine Verpflegung, mein Wissen und meine sozialen Kontakte. Es gibt ganz großartige Zukunftsvisionen, die mich inspirieren. Aber die müssen alle erstmal durch den Reality Check, bevor man an eine Umsetzung denken kann.

Aktuell sehen mögliche Ziele ungefähr so aus: Arbeitszeit reduzieren, autarker leben, technologische Möglichkeiten sinnvoll einsetzen, Wert stiften im Job und für die Gesellschaft, Kinder zu guten Menschen erziehen, die Welt kennenlernen, mehr Fokus auf soziale Bindungen, weniger Fokus auf Konsum, positive Initiativen unterstützen und bekannt machen und die eigenen Werte mit anderen teilen. Ich glaube, das ist ein guter Start, aber man kann auf jeden Fall noch dran feilen.

Was mich in den letzten Wochen besonders erstaunte ist, wie viel theoretisches Wissen es zum Thema alternative Arbeitsmodelle gibt. Bei einigen Blogbeiträgen hätte ich mir am liebsten Wikipedia ausgedruckt und neben den Laptop gelegt, damit ich nicht ständig die Tabs wechseln muss, um mir die jeweilige besonders gute oder besonders schlechte wissenschaftliche Ausgangstheorie anzuschauen.

In solchen Momenten würde ich gerne die Abkürzung nehmen. Ich möchte nicht alles noch einmal selbst durchackern und mir zu jedem 500-seitigen Gedankenkonstrukt eine eigene Meinung bilden. Ich möchte die Anekdoten kennenlernen, die Fallbeispiele, die konkreten Handlungsempfehlungen und dann gerne auch eine pointierte Zusammenfassung der theoretischen Grundlagen. Aber schnell und ohne einen Anspruch auf wissenschaftliche Expertise. Ich habe dazu verschiedene Vorgehensweisen durchdacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass der persönliche Austausch mit Gleichgesinnten der vielversprechendste Weg ist. Normalerweise wäre das nicht meine erste Wahl gewesen. Social Networking ist nicht so mein Ding. Aber wer lernen will, muss freundlich sein.

Und wo fange ich an? Die leichte aber wenig hilfreiche Antwort ist: überall. Neue Organisationsstrukturen, Digital Leadership, Nachhaltigkeit, Co-Working, erneuerbaren Energien, Abschaffung von Hierarchien oder der Aufbau eines neuen Wertesystems. Es gibt zahlreiche Puzzleteile auf dem Weg zum #NewLife. Oh, habe ich da #NewLife geschrieben? Ist das jetzt vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen? Vermutlich nicht. Denn wie soll man sich denn ernsthaft mit der Arbeit der Zukunft auseinandersetzen ohne dabei Themen wie Smart Home, KI, Autonomes Fahren, Blockchain oder Liquid Democracy zu berücksichtigen. Und das ist nur eine völlig zufällige Auswahl an kleinen und großen Trends für die nächsten Jahre.

Ein konkreter Plan wäre daher völlig fehl am Platz. Wenn mich die viel gerühmte agile Arbeitsweise in den letzten zehn Jahren etwas gelehrt hat, dann dass es wichtiger ist mit einer groben Vision loszulaufen, als zu warten bis die Vision in Stein gemeißelt ist, bevor man den ersten Schritt vor die Tür setzt.

Stop starting and start finishing. Zukunft der Arbeit ist kein Ziel sondern ein Prozess. #Agile Klick um zu Tweeten

Aufbrechen

Notiz am Rand: ich bin ein bisschen Stolz auf diese Zwischenüberschrift, weil sie sowohl das Losgehen an sich als auch das Aufteilen der großen Vision in kleine gut verdauliche Pakete beinhaltet.

Und da kommt dann auch ein bisschen der Produktmanager in mir durch. Man kann unmöglich genau planen, wie das Puzzle am Ende aussehen wird (wenn wir einmal annehmen, dass es so etwas wie ein Ende überhaupt gibt). Also müssen wir kleine Experimente machen, um unserer Vision Schritt für Schritt näher zu kommen.

Reden ist silber, machen ist Gold. Versuch und Irrtum ist Grundvoraussetzung für #NewWork Klick um zu Tweeten

Ich neige nicht zu Aktionismus. Das heißt auch wenn ich als Head of Product bei etventure an der Schnittstelle zwischen Company Builder und Unternehmensberatung von außen betrachtet ungefähr so nah an NewWork dran bin, wie die United Airlines am “Best Company Award”, werde ich nicht morgen kündigen und mein Leben umkrempeln. Ich finde meinen aktuellen Job großartig und habe das Glück, dass das Interesse an innovativen, zukunftsfähigen Konzepten sehr stark in unserer Unternehmenskultur verankert ist (Anmerkung: das schreibe ich komplett freiwillig und komplett unabhängig davon ob etventure hier mitliest oder nicht). Darüber hinaus bringt meine tägliche Arbeit es mit sich, dass ich sehr viel über die Auswirkung von Digitalisierung und Innovation in der freien Wirtschaft lerne. Diese Erkenntnisse auf andere Bereiche wie zum Beispiel Gesellschaft, Bildung und Kultur zu übertragen ist eine spannende Herausforderung.

Ich weiß jetzt genau noch nicht genau wie genau es weitergeht. Aber das Ziel steht fest:  informieren, verarbeiten, austauschen und umsetzen. So aufwendig das ist, ist dies die einzige Möglichkeit, meine aktuellen Vorstellungen auf den Prüfstand zu stellen und aus fixen Ideen gemeinsam mit Gleichgesinnten belastbare Konzepten mit echtem Mehrwert zu entwickeln.

Ich habe das Gefühl, dass ich mit meinem aktuellen Skillset durchaus etwas zu NewWork, NewLife, Nachhaltigkeit und Wertstiftung beitragen kann. Bewiesen habe ich das noch nicht. Wenn daher jemand einen Vorschlag hat. Immer her damit. Ich bin gerne dabei.

 

*Wenn es im Rahmen eines Textes Sinn macht, auf dazu passende Literatur zu verweisen, nutze ich allerdings das Amazon PartnerNet. Wenn schon Werbung, dann wenigstens nicht umsonst.

 

NewWork, WhyWork, iWork – Bewerbung zum Mitarbeiter des Monats
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