Als Lehrer beschäftige ich mich quasi dauerhaft mit dieser Frage. Die Kritik an unserem Bildungssystem nimmt in der gesellschaftlichen Debatte, nach meiner Wahrnehmung, immer mehr an Fahrt auf. Und einige Fragen, die man früher eher hinter vorgehaltener Hand gestellt hat, werden stetig lauter.

  • Warum macht vielen Lehrern und Schülern der Schulalltag keinen Spaß?
  • Wie können wir unsere Kinder in der sich schnell verändernden Gegenwart auf die Zukunft vorbereiten?
  • Welche Eigenschaften brauchen unsere Kinder, um mit sich und ihrer Umwelt hoffentlich zufrieden zu sein und erfüllt leben können?
  • Wie können wir Bildung gestalten, damit Menschen ihre Lust am Lernen nicht verlieren?

Der Gehirnforscher Gerald Hüther, langjähriger Professor an der Göttinger Universität sagt:

Wir müssen aufhören andere Menschen zum Objekt unserer Vorstellungen zu machen. Stattdessen müssen wir einladen, ermutigen und inspirieren.

Aus diesem Grund gründete er 2017 eine Akademie für Potentialentfaltung. Sie soll Suchenden die Kraft der Gemeinschaft spüren lassen. Alle Mitglieder sind unter anderem dem einen Ziel verschrieben. Sie wollen Möglichkeiten finden, dass Menschen ihre natürliche Lust am Lernen nicht verlieren. Zu diesem Thema hat er erfolgreich mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem sein neuestes Werk: „Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten

Was auf den ersten Blick ein wenig sektenhaft anmutet, steht wissenschaftlich auf soliden Beinen. Gerald Hüther ist als Hirnforscher und Neurobiologe etabliert und wird aufgrund seiner Expertise unter anderem auch vom Manager Magazin bei Fragen rund um eine neue Führungskultur in Zeiten des digitalen Wandels zurate gezogen

Was geschieht beim Lernen mit unserem Gehirn?

Die Gehirnforschung kann elementare Lernprozesse im Gehirn gegenwärtig ziemlich exakt beschreiben. Wenn Lernen nachhaltig sein soll, muss es mit Lust einhergehen. Richard David Precht beschreibt es in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ in etwa so:

Wenn „das Gehirn in Dopamin schwimmt“, nehmen wir alles aus der Umgebung mit verschärfter Sensibilität, großer Wachheit und höherer Begeisterung auf. Unsere Aufmerksamkeit wird größer und unser Lernvermögen nimmt zu.

Es entsteht eine Art Rauschzustand. Ist dieser Rauschzustand sehr stark, möchte man diesen schnell wiederholen. Man könnte fast von einer Sucht sprechen.

Aber das wäre ja toll. Denn dann würden neugierige, kleine Junkies in der Schule sitzen, die nicht genug vom „Lern-Stoff“ bekommen können. Leider obliegt es aktuell jedem „Lern-Dealer“ selbst, wie der Stoff übermittelt wird. Dafür gibt es keine Anleitung im Rahmenlehrplan. Das Lernen muss mit Emotionen gekoppelt sein. Unser heutiges Leben lässt sich nicht in Fächer und Stoffeinheiten hinein planen. Es geschieht fachübergreifend und allumfassend. Die reine Wissensaneignung bietet kaum noch Mehrwert. Wissen ist nur relevant, wenn man es auch anwenden kann. Das gilt heutzutage, wo jede Information nur eine Google-Anfrage weit entfernt ist, mehr denn je.

Wenn uns nun aber in den verschiedenen Wissenschaften, wie Hirnforschung, Lernpsychologie und Sozialpsychologie sehr gute und völlig neue Kenntnisse bereitstehen, stellt sich mir die Frage: Warum ändern wir nicht die überholte Herangehensweise und lassen die neuen Erkenntnisse in ein neues Konzept der Wissensvermittlung, der Wissensaneignung, der Abrufbarkeit und späteren Anwendbarkeit einfließen? Oder anders gefragt…

Was können wir tun, damit wir die Lust am Lernen nicht verlieren?

Für immer mehr Menschen scheint dies zum zentralen Thema der Bildung zu werden.

Wenn Lernen uns ein Leben lang begleitet und wir die Lust daran verlieren, verlieren wir die Lust am Leben. Klick um zu Tweeten

Unbestritten ist sicherlich, dass unser Schulsystem einem Jahrhundert angehört, welches andere Kompetenzen und Eigenschaften von den Menschen verlangte. Die preußischen Tugenden: “Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Gehorsamkeit und mit Noten erzwungener Fleiß“ werden nicht mehr ausreichen, um Lösungsansätze für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu finden. Stattdessen benötigt man soziale Intelligenz, die Fähigkeit zur virtuellen Zusammenarbeit und Anpassungsfähigkeit.

10 essenzielle Kompetenzen für die Arbeit der Zukunft

Aus Sicht der Gehirnforschung sind in der Schule zwei Sorten von Menschen anzutreffen. Zum einen diejenigen, bei denen sich das Interesse an Neuem in Grenzen hält und das Gehirn langsam arbeitet. Zum anderen diejenigen, welche eine unbändige Neugier auf das Leben verspüren und einen Hochleistungscomputer in ihrem Kopf haben, was die Geschwindigkeit der Signalverarbeitung anbelangt. Die Zweitgenannten sind leider nicht wir Lehrer.

Sehr viel Verantwortung für die Übermittlung des Lehrstoffes hängt an der Person des Lehrers. Die individuelle Herangehensweise ist dafür verantwortlich, ob Kinder für ein Thema „getriggert“ werden. Wenn das gelingt, dann entsteht in diesem Raum eine unglaubliche Magie. Kinder sitzen da mit offenem Mund und hellwachen Augen und es ist ihnen völlig egal ob ihr Handy vibriert, weil Ronny gerade per SMS fragt, ob seine neue Frisur gut ankommt oder er doch zu viel HaarGel genommen hat.

Warum müssen wir überhaupt was ändern?

Die nahe Zukunft wird die Gesellschaft mit riesigen Transformationen konfrontieren. Unter dem Begriff #NewWork werden viele Szenerien entworfen, wie wir in Zukunft arbeiten wollen und werden. Aber eines scheint sicher: die Profitoptimierung durch Roboter- oder Computereinsatz wird Menschen aus allen Bereichen der Wirtschaft verdrängen.

Alleinfahrende Elektroautos und Carsharing Apps machen den Wunsch, ein eigenes Auto zu besitzen, überflüssig und unökonomisch. Da sie durch Computer oder Roboter gesteuert werden, verursachen sie auch keine Unfälle mehr. Überlegen sie, was dies für die Versicherungsbranche heißt. Diese Autos brauchen keine Airbags mehr und sie brauchen auch nicht aus Metall zu sein. Dies hat Auswirkungen auf die Zulieferbranche. Die Freiheit immer und überall für wenig Geld mobil zu sein, ohne Verantwortung für Eigentum zu übernehmen und mit dem Wissen sicher ans Ziel zu kommen, ist Teil eines neuen Zeitgeistes.

Digitales Geld und intelligente Computerprogramme im Finanzwesen werden in Zukunft die Bankenbranche aufrollen. 80% der Mitarbeiter am Schalter in Banken wird es in naher Zukunft nicht mehr geben.

Kostengünstige, prozessorgestützte Analysegeräte werden eine bis heute kaum vorstellbare Vernetzung unserer Lebensbereiche ermöglichen. Google setzt dazu an, den Sprung zu einem Weltmonopol zu erzwingen, frei von staatlichen Reglementierungen und Kontrollen. Das ehrgeizigste Projekt ist Ray Kurzweil`s Forschung an der Singularität. Dies bedeutet nichts weniger, als das menschliche Gehirn in die Cloud hoch zu laden. Sie glauben, ich hätte was Schlechtes zum Frühstück gegessen? Dann suchen sie im Internet einmal nach „Singularität“ und „Silicon Valley“ oder lesen sie einfach die „…OUT“-Trilogie von Andreas Eschbach!

Diese gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Transformation wird zu enormen Veränderungen in unserem Zusammenleben führen. Die Integration der Menschen, welche dem Stellenabbau unter anderem im Automobil-, Dienstleistungs- und Finanzgewerbe zum Opfer fallen, ist nur eine der vielen Aufgaben, die nach Lösungsansätzen suchen. Also brauchen unsere Kinder Eigenschaften für ein zukunftsgerichtetes, nachhaltiges und integriertes Leben nach der „digitalen Revolution“. Allein auf virtuelle Assistenten wie „Siri“ oder „Alexa“ sollten wir uns dabei nicht verlassen.

Welche Alternativen gibt es?

Sollten Schulen vielleicht mehr Entscheidungsfreiheit in Form von frei einsetzbaren Budgets haben? Sollten wirklich Minister, welche noch nie vor einer Klasse standen und die Schulen nur verwalten, die Rahmenbedingungen festlegen, mit denen dann die Lehrer und Kinder leben müssen? Oder sollte es vielleicht einen Schulleiterrat geben, ohne den keine Entscheidung über die Schulentwicklung getroffen werden dürfte? Die fähigsten Schulleiter könnten in einer Wahl durch Lehrer und Schüler eingesetzt werden. Sie würden dem Bildungsministerium als „echte Experten“ zur Seite stehen und ihre Entscheidungen würden Gewicht haben.

Projektarbeit

Vielleicht hat auch der alters- und klassenbezogene Fächerunterricht im 45 Minutentakt ausgedient? Wenn wirklich die „Lust“ so fundamental für das Lernen ist, wäre es doch sinnvoll, die Möglichkeiten dieser Welt in den verschiedensten Bereichen zu zeigen und dann die Kinder zu fragen: „Was möchtest du gern entdecken und wie kann ich dir dabei helfen?“ Natürlich ist ein Basiswissen notwendig, auf welches man sich in einem konstruktiven und breiten Dialog einigen kann. Aber müssen wir Kinder wirklich mit unnützem Wissen überhäufen, welches eben keinerlei Wert bei der Suche nach einem sinnvollen und glücklichen Leben mit sich bringt? Und sollte dann vielleicht das Interesse für bestimmte Lebensbereiche und emotionale Zugehörigkeiten, statt das Alter eines Kindes, Kriterium für die Zusammensetzung einer Lerngruppe sein?

Vielleicht sollten fächerübergreifende und breitgefächerte Projekte, welche die Schüler frei wählen können, die Grundlage des Unterrichtens sein? Was wäre denn, wenn die Kinder selbst entscheiden dürften, bei wem sie gerne Unterricht haben wollten? Diese Entscheidung sollte dann vielleicht Kriterium für die Bezahlung der Lehrer sein. Damit hätten wir auch in der Schule eine Art Leistungsprinzip. Untalentierte Lehrer hätten Zeit sich nach alternativen Tätigkeitsfeldern umzusehen und wären befreit von der „Last“ des Lehrerdaseins, weil sich kein Schüler diesen Unterricht antun würde. Talentierte Lehrer, welche für ihren Beruf brennen, würden besser leben können.

Vielleicht könnten wir Zensuren zum Bestrafen, welche die Schüler gefügig und ängstlich machen, durch ein anderes, sehr sensibles Belohnungssystem ersetzen, welches die intrinsische Motivation der Kinder fördert. Könnten wir dadurch vielleicht mehr noch Kreativität und Eigenverantwortung fördern?

Ich stelle diese Fragen, weil ich wie viele meiner Kollegen den Eindruck habe, dass Bildung aktuell eher ein Prestigeobjekt der Bildungsministerien ist. Ein Ringen um eine Bildungsrevolution sehen wir leider nicht. Richard David Precht formuliert es sehr schön für den Bereich der Arbeit und es trifft ebenso für die Bildung zu: „Wir dekorieren auf der Titanic die Liegestühle um„.

Welche wichtigen Eigenschaften braucht ein junger Erwachsener in Zukunft?

Ziel der Schule sollte es doch sein, den Kindern die Werkzeuge an die Hand zu geben, welche sie befähigen, in einer sich schnell verändernden Welt nicht nur „willenloser“ Konsument zu sein sondern „revolutionärer“ Mitgestalter. Die Frage lautet:

Wollen wir so leben, wie das Silicon Valley es für uns geplant hat oder wollen wir selbst entschieden? Klick um zu Tweeten

Dazu bedarf es jedoch ganz anderer Eigenschaften und Kompetenzen als noch im letzten Jahrhundert:

  • Kreativität
  • Neugier
  • Flexibilität
  • Smart sein
  • abstraktes Denken
  • Teamgeist
  • Sprachgewandtheit
  • Empathie
  • Geschmeidigkeit
  • ein gesundes Gefühl für seinen Körper und sein Wohlbefinden
  • Naturverbundenheit
  • Interesse an der Gemeinschaft
  • Technologieverständnis

Außerdem muss das Beherrschen von Computersprachen ganz nach oben auf die Agenda der schulischen Bildung. Denn die Zukunft der Arbeitswelt wird viel mit Bits und Bytes zu tun haben.

Also geht Bildung auch anders?

Kinder sind klug. Sie werden neugierig geboren und wenn nicht alles schiefläuft, kommen sie auch so zur Schule. Aber vor allen Dingen hat ihnen die Natur ein viel schneller arbeitendes Gehirn gegeben als uns Erwachsen. Was ihnen fehlt sind Kompetenzen für den sozialen Umgang mit anderen Menschen, der Natur und der Welt im Ganzen. Kurz gesagt: ihnen fehlt Lebenserfahrung.

Nun wird es den einen oder anderen geben, der sagt: „Lebenserfahrung bekommen sie durch Erfahrung im Leben.“ Das ist sicher richtig, aber diese Erfahrungen werden sich in der Zukunft so grundlegend von unseren unterscheiden und sich so exponentiell schnell verändern, dass Kinder darauf vorbereitet werden müssen. Natürlich können wir nicht voraussehen, was die Zukunft bringt. Aber wir haben die Pflicht, aus unserem vergangenen Erleben, Visionen für die Zukunft zu entwickeln und diese den Kindern als Vorbereitung für ihr Leben mit an die Hand zu geben.

Selbstverständlich sollten die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse und Entwicklungen in eine neue Didaktik und Methodik mit einfließen. Dabei sollte man die Kinder aber auch einfach mal „machen lassen“.

Mehr Freiraum für Kinder = mehr Kreativität = bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft. Klick um zu Tweeten

Kinder sollten auch von Menschen umgeben sein, die selber im hohen Maße kreativ sind, um von ihnen zu lernen. Wir Lehrer und Eltern können dabei unterstützen, wenn wir uns trauen, Kontrolle über die Kinder abzugeben. Wenn wir ihnen helfen, dieses Potenzial zu entfalten, würden sie uns dies mit viel, viel, viel Aufmerksamkeit, Freundschaft und Lust am Lernen danken.

Sie sagen so etwas kann nicht funktionieren, dann schauen sie sich den Trailer zu „Schools of Trust“ oder einige Interviews zum Thema Potenzialentfaltung an.

Die Zukunft der Bildung ist ein zentrales Thema bei www.futureproofworld.com. Wir möchten verstehen, wo wir stehen. Wir möchten uns mit Schulen, Lehrern und Schülern austauschen. Und wir möchten Ideen für eine moderne Bildung und konkrete Vorschläge zur Umsetzung kennenlernen. Wenn daraus ein schlüssiges und tragfähiges Konzept entsteht, werden wir es hier selbstverständlich zur Diskussion stellen.

 

Lust auf Bildung, Zukunft und Gesellschaft – Was machen wir mit unseren Kindern?
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