Ich habe gerade bei Facebook einen Beitrag von Miniatur Wunderland gesehen. Eigentlich ging es dabei in erster Linie darum ein neues Buch vorzustellen. Dem Beitrag vorangestellt war der Aufruf, dieses Buch bitte nicht bei Amazon sondern im Buchladen um die Ecke zu kaufen, um die lokalen Buchhändler zu unterstützen. In den Kommentaren entwickelte sich eine, naja, hitzige Diskussion, weil ein Kommentant (Kommentierer, Kommentator) anmerkte, dass er niemals beim lokalen Buchhändler kaufen würde, weil es einfach zu umständlich und teuer wäre und viel länger dauern würde als bei Amazon.

Es wurde, wie es mittlerweile ja zum guten Ton gehört, mit wilden Beschimpfungen reagiert. „DU bist doch ein absoluter Vollpfosten“, „Dümmster Beitrag des Abends“, „Sie gehören in der Luft zerrissen“. Ich lese das und bin hin- und hergerissen. Auf der einen Seite, kann ich die Empörung verstehen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn alle die netten, engagierten Menschen unterstützen würden, die tagtäglich gegen die Auswüchse der globalen Großunternehmen ankämpfen, um ihre eigenen Vorstellungen von einem freundlicheren, nachhaltigerem und persönlicherem Service umzusetzen. Das gilt übrigens nicht nur für Buchhändler, sondern auch für Milchproduzenten, Musiker, Gastronome, Journalisten und Handwerker. Beinahe jeden Service gibt es ja eimal in groß, standardisiert, unpersönlich, billig und in klein, handgemacht, teurer, idealistisch motiviert.

Aber wenn Zweiteres wirklich für alle die besser Alternative ist, warum bedarf es dann solcher Aufrufe, wie dem von Miniatur Wunderland. Warum geht nicht jeder zum lokalen Buchladen oder kauft die Milch aus der Region. Ist ein bisschen teurer, ein bisschen mehr Aufwand. Aber im Endeffekt doch besser für alle. Irgend etwas passt da nicht zusammen. Irgendwo ist da ein Fehler im System.

Jemanden per Facebook-Post dafür zu beschimpfen, dass er Amazon nutzt, ist ungefähr so konsistent wie ein Mercedes-Fahrer, der einen BMW-Fahrer als Bonzen bezeichnet. So richtige geht das nicht zusammen.

Es gibt keine sinnlosen Handlungsweisen

Ich habe neulich in einem Podcast (weiß leider nicht mehr, welcher es war), jemanden im Bezug auf Beziehungsstreits sagen gehört: „Es gibt keine sinnlosen Handlungsweisen. Es gibt nur Handlungsweisen, die aus unserer persönlichen Perspektive gerade jetzt keinen Sinn machen“. Was damit gemeint ist? Jeder Mensch tut die Dinge, die aus seiner Perspektive aktuell Sinn machen. Wenn man dies akzeptiert, dann wird man sich viel weniger aufregen und auch viel seltener persönliche Konflikte austragen. Stattdessen wird man sich fragen, warum macht diese Handlungsweise denn gerade für diese Person Sinn? Und dann kann man versuchen zu überlegen, aus welchen Gründen es vielleicht ratsam wäre Rahmenbedingungen zu schaffen, die dazu führen würden, dass andere ihre Verhaltensweisen ändern. Denn – auch das ist für viele scheinbar schwer nachzuvollziehen – jeder von uns tut relativ regelmäßig Dinge, die andere für sinnlos halten. Und die wenigsten von uns, denken sich in diesem Moment: „Menschenskinder, stimmt. Das, was ich gerade mache, ist Quatsch“. In der Regel werden wir versuchen, unser Verhalten vor uns selber und natürlich auch vor allen anderen zu rechtfertigen. Das gelingt uns meistens ganz gut. Anderen gestehen wir das allerdings nicht so gerne zu. Wer sich damit auseinandersetzen möchte, warum das so ist, dem sei „Schnelles Denken, langsames Denken“ von Daniel Kahneman ans Herz gelegt (Vorsicht: Amazon-Verlinkung).

Wer ist jetzt der Vollpfosten?

Was bedeutet das nun für unser Eingangsbeispiel? Ist jetzt der Amazon-Käufer der Gute und alle die ihn kritisieren liegen falsch? Schwer zu sagen. Letztendlich trifft hier Rationalität auf Emotionalität. Rein rational hat der Amazon-Käufer völlig recht. Sehr viele Menschen kaufen sehr viele Dinge bei Amazon, weil sie selber dafür gute Gründe haben. Und ich wage hier mal die steile These, dass die meisten dieser Amazon-Besteller keine egoistischen Vollpfosten sind, sondern nette, intelligente und an einer positiven, gemeinsamen Zukunft interessierte Menschen, mit denen man guten Gewissens zusammen ein Tässchen Fair Trade Kaffee trinken und ein Stück Bio-Apfelkuchen essen könnte. Und trotzdem schaden sie mit ihrem Verhalten – in den meisten Fällen sicher eher unbewusst – der lokalen Wirtschaft und stärken die globalen Konzerne. Das trifft übrigens auch auf die Leute zu, die etwas bei Facebook posten, bei Google suchen oder per WhatsApp schreiben anstatt sich beispielsweise beim Stammtisch im Lieblingsrestaurant ihrer Wahl persönlich mir anderen auszutauschen.

Was soll man jetzt also tun? Sollte man Menschen dafür verurteilen, dass sie sich die Bücher lieber bequem nach Hause schicken lassen oder – Gott bewahre – als e-Book aufs Kindle (von Amazon) runterladen? Oder sollte man alle Leute, die für lokale Buchläden kämpfen, Umwege und längere Lieferzeiten in Kauf nehmen, um auch in Zukunft den Geruch von echten Büchern und das Stöbern in den letzten Ecken genießen zu können, als idealistische Spinner ignorieren und einfach darauf warten, dass der Fortschritt seinen Lauf nimmt?

Schaut auch auf die Ursachen nicht nur auf die Symptome

Meine persönliche Meinung – also quasi das, was aus meiner Perspektive sinnvoll erscheint – wäre keins von beidem. Ich gehöre zu den – den Facebook-Kommentaren nach zu urteilen scheinbar recht wenigen – Leuten, die sich nicht positionieren wollen. Ich bestelle Bücher bei Amazon, wenn ich beispielsweise Samstag abends eine Empfehlung bei Twitter entdecke. Aber ich gehe genauso gerne in den Buchladen und stöbere ein wenig. Ich möchte nicht nur das eine oder das andere. Ich habe eigentlich kein Interesse an einer Welt ohne Services, wie sie Google, Amazon, Facebook oder Apple anbieten (auch wenn ich nicht alles davon stets und ständig nutze). Aber genauso wenig möchte ich in einer Welt leben, in der lokale Buchhändler, Agrarwirte, Künstler oder Handwerker ständig um ihre Existenz kämpfen müssen.

Umgekehrt heißt das für mich aber auch, dass ich mich in Grundsatzdebatten aktuell nicht positionieren kann. In der eingangs erwähnten Facebook-Diskussion, weiß ich nicht, wo ich „Gefällt mir“ klicken soll. Irgendwie bei allen aber irgendwie auch nirgends.

Ich persönlich fände es großartig, wenn wir uns überlegen könnten, woran es liegt, dass wir Amazon nicht mögen (schlechte Arbeitsbedingungen, nicht nachhaltig genug, zu mächtig) und warum wir trotzdem nicht zu lokalen Händlern gehen (zu wenig Zeit, zu aufwändig, zu teuer). Und dann sollten wir versuchen, an den Ursachen zu arbeiten, die dafür sorgen, dass es diese negativen Auswirkungen gibt. Möglichkeiten, diese Ursachen anzugehen, gibt es m.E. viele. Stärkere Regulation für Großkonzerne. Subvention für lokale Geschäfte. Weniger Zeitdruck für jeden Einzelnen durch Arbeitszeitverkürzungen. Weniger finanziellen Druck für Produzenten und Konsumenten durch Bedingungsloses Grundeinkommen. Mehr Aufklärung darüber, welche Effekte bestimmte Handlungsweisen auf die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Umwelt haben. Damit also auch bessere, dem aktuellen Fortschritt gerecht werdende Bildung. Einige dieser Themen haben wir hier auf diesem Blog schon thematisiert. Aber quasi täglich merke ich auch an so Kleinigkeiten wie den Facebook-Kommentaren zum Miniaturladen (verzeiht das Wortspiel), dass man da noch sehr viel mehr drüber schreiben und diskutieren kann. Was meint ihr dazu? Macht das auch aus Eurer Perspektive Sinn?

Darf man eigentlich bei Amazon kaufen, auch wenn man Bücher wirklich gerne mag?
Markiert in:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.