Leben in der Smart City

Stellen Sie sich vor, eine Smart City wird gebaut und keiner zieht hin. Das Ergebnis wäre eine apokalyptisch anmutende, hochmoderne Geisterstadt. Für Wissenschaft und Forschung ist das sicherlich ein hochinteressantes Szenario – wie das Beispiel der von Pegasus Global Holdings für 1 Milliarde Dollar gebauten High-Tech Geisterstadt in der Nähe von New Mexico beweist.

Politiker, Unternehmer und Stadtplaner, die sich täglich mit den ständig wachsenden Ansprüchen an die eigene Stadt auf dem Weg zur Smart City beschäftigen, sind jedoch auf die Zusammenarbeit mit den Menschen, die tatsächlich in dieser Stadt leben (wollen) angewiesen. Smart City als Trendwort allein reicht nicht für dauerhafte und nachhaltige Verbesserungen.

Aber was genau ist eigentlich eine Smart City? So wie viele andere Begriffe, die den gesellschaftlichen Wandel beschreiben, gibt es auch für Smart Cities keine konkrete Definition. Bei Wikipedia findet man dazu folgendes:

Smart City ist ein Sammelbegriff für gesamtheitliche Entwicklungskonzepte, die darauf abzielen, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu gestalten.”

Es gibt also keine Checkliste, anhand derer man den Smartness-Faktor einer Stadt messen kann. Stattdessen beschreibt Smart City eher die Bestrebungen einer Stadt sich in den oben genannten Bereichen weiterzuentwickeln. Das Ausmaß und der Erfolg solcher Maßnahmen kann dann wiederum durchaus als Messkriterium zur Bewertung herangezogen werden.

Berlin – Smart aber sexy

Werfen wir exemplarisch einmal einen Blick auf Berlin. 2015 wurde das Strategiepapier “Smart City Berlin” veröffentlicht. Basierend darauf sollten Projekte angestoßen werden, welche sich mit innovativen Themen innerhalb der Berliner Infrastruktur beschäftigen. Unter anderem in den Bereichen:

  • Bezahlbare Energie
  • CO2 – Neutralität
  • Mobilität der Zukunft
  • Demografischer Wandel
  • Urbane Sicherheit

Nach einem guten Jahr herrschte eine gewisse Ernüchterung. Das liegt nicht daran, dass nichts passiert ist. Gemeinsam mit 20 Partnern wurden 40 Projekte umgesetzt. 8 mal so viele wie in Hamburg im gleichen Zeitraum. Das Urteil der Berliner Unternehmer aber fiel wenig positiv aus. 51% von 121 befragten Experten einer Studie des VBKI bezeichneten den IST-Zustand der Smart City Berlin mit der Schulnote 4 oder schlechter. Woran liegt es, dass Smart City Initiativen sich (nicht nur in Berlin) so schwer tun?

Fehlende Infrastruktur

Am Anfang steht die Frage, welche Rahmenbedingungen eigentlich gegeben sein müssen, um einen guten Nährboden für eine Smart City zu bieten.

Im Rahmen der Smart City Strategie Berlin wurden 2015 rund 25 Projekte vorgestellt, die zwar inhaltliche Anknüpfungspunkte haben, die aber strukturell völlig unabhängig voneinander umgesetzt wurden. Die Projekte One Stop City für die Bündelung von Amtsgängen, das Portal mein Berlin um Anträge einzureichen und das Beschwerdemanagement Tool Ordnungsamt Online sind für sich genommen sehr sinnvolle und hilfreiche Initiativen, die Berlin ein Stück digitaler und damit auch smarter machen. Aber aus Nutzersicht entfaltet sich der volle Mehrwert nicht. Ein engagierter Stadtbewohner weiß oft nicht auf Anhieb, wo er sich mit welchem Problem an wen wenden kann.

Ein lohnendes Ziel wäre es daher, eine zentrale Anlaufstelle für Bürger, Stadtgemeinden und Unternehmer anzubieten, wo alle Daten und Informationen zusammenfließen und abgerufen werden können. Dabei geht es nicht darum, jeden einzelnen Anwendungsfall innerhalb einer einzigen, überdimensionierten Softwarelösung abzudecken. Ganz im Gegenteil. Zahlreiche kleine Applikationen könnten von verschiedenen Anbietern auf konkrete Nutzerbedürfnisse hin entwickelt und über eine offene Plattform zur Verfügung gestellt werden.

Fehlende Finanzen

Ein zentrales Problem sind – und wehe, da ist jetzt irgendjemand überrascht – die Finanzen. Ein ehemaliger Berliner Bürgermeister hat mit dem vielzitierten Bonmot “Arm aber Sexy” die Geldknappheit der Hauptstadt salonfähig gemacht und mit einer wirtschaftlich nicht ganz unvernünftigen Politik die Schuldentalfahrt gestoppt. In den letzten vier Jahren schrieb der Berliner Haushalt wieder schwarze Zahlen. Was natürlich noch lange kein Grund für Luftsprünge ist, angesichts der bestehenden Gesamtschulden i.H.v. 60 Mrd Euro. Das entspricht einer Pro-Kopf-Verschuldung von ca. 21.000€. Damit ist Berlin Spitzenreiter im deutschen Städte-Ranking. Das heißt aber nicht, dass es in anderen Städten besser aussieht.

Der aktuelle Berliner Haushaltsplan für 2017 umfasst ein Gesamtbuget für Ausgaben i.h.v. 26 Mrd. Euro. Eine stattliche Summe, von der jedoch nur etwas mehr als 1% für Technologie und Forschung übrig bleiben. Das heißt, es werden ca. 300 Mio. Euro in die gesamte Forschung und Entwicklung investiert. Der genau Anteil für Smart City ist nicht definiert. Investitionen im Milliardenbereich wie im eingangs zitierten Beispiel können jedoch nicht annähernd von den Städten allein aufgebracht werden.   

Fehlende Nachhaltigkeit

Und damit kommen wir zum nächsten Problem. Solang Smart City Initiativen auf Fördermittel angewiesen sind, wird es kaum nachhaltige Entwicklung geben. Einzelne Projekt können hochinnovative Ergebnisse liefern. Aber sobald das Geld alle ist, ist das Projekt alle.

Wenn man eine Stadt dauerhaft und nachhaltig umgestalten möchte, dann müssen Möglichkeiten geschaffen werden, mit Hilfe derer die Projekte nach einer gewissen Test- und Anlaufphase Teil des wirtschaftlichen Kreislaufs werden können. Das heißt der Fokus auf wirtschaftliche Machbarkeit, Anbahnung von Partnerschaften und Identifikation potenzieller Kunden muss bereits Teil des Förderkonzeptes sein. Die Aufträge dürfen nicht allein an wissenschaftlich betriebene Forschungseinrichtungen vergeben werden. Stattdessen braucht es cross-funktionale Teams bestehend aus Forschern, Ingenieuren, Städteplanern, Unternehmern und fachlichen Experten für Marketing, Design und nutzerzentrierte Entwicklung. Diese Teams müssen das Projekt als Startup behandeln. Mit dem klaren Ziel auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

Wenn ein großer Teil des aktuellen Projektbudgets dafür verwendet werden muss, das kommende Projektbudget zu beantragen, dann verwässert das eigentliche Ziel. Der echte Mehrwert für die Stadtbewohner tritt zugunsten der Projektrechtfertigung in den Hintergrund. Die intrinsische Motivation des Projektteams (Überleben) und die extrinsische Motivation des Fördergebers (Wunsch nach Innovation) können unter solchen Bedingungen nur schwer in Einklang gebracht werden.

Nur sehr wenige Projektausschreibungen zum Thema Smart City adressieren auch die wirtschaftlichen Aspekte, so dass ein finanzielle Nachhaltigkeit wenn überhaupt nur zufällig als Nebenprodukt entsteht und nicht durch aktive Förderung.

Fehlendes Engagement

Das Netzwerk Berlin Partner ist nach innen und außen der zentrale Ansprechpartner für die Umsetzung der Smart City Berlin Strategie. Der dazugehörige Twitter Account hatte im Mai 2017 etwas mehr als 5.000 Follower. Zum Vergleich Hertha BSC hat 250.000.

Misha Dohler beschreibt in einem sehr interessanten Ted Talk zum Thema “Smart City – The Untold Story” wie er mit der Bevölkerung von London gemeinsam ein Smart City Projekt umsetzen wollte. Von 400 angesprochenen Leuten auf der Straße waren lediglich 3 bereit mit ihm zu reden.

Die Bürger einer Stadt sind vielbeschäftigt. Sie müssen arbeiten gehen, sich um ihre Familien kümmern, einkaufen, schlafen und das bisschen Zeit, was übrig bleibt, wird nicht selten in das umfangreiche urbane Freizeitangebot investiert. Als Bewohner einer Großstadt steht man ständig in Gefahr Opfer des FOMO Syndroms zu werden. Fear of Missing Out. Die Angst, etwas zu verpassen.

Für ein zusätzlich Engagement zur Verbesserung der eigenen Stadt bleibt wenig Luft. Wenn man diese Zeit dann aber auch noch damit verschwenden muss, erst einmal zu verstehen, welche Mitbestimmungsmöglichkeiten es überhaupt gibt und wo man diese wahrnehmen kann und wenn es dann auch noch Schwierigkeiten mit der Bedienbarkeit der vorhanden Werkzeuge gibt, dann ist das bisschen Motivation auch schnell wieder dahin.

Und da sind wir wieder beim Anfangsproblem:

Eine Smart City, für die sich keiner interessiert, ist vermutlich keine Smart City. Klick um zu Tweeten

Nur gemeinsam mit den Bürgern und angesiedelten Unternehmen kann man nachhaltige Geschäftsmodelle etablieren.

Fehlendes Marketing

Dies ist vermutlich der traurigste Punkt. Berlin wird außerhalb von Berlin nämlich durchaus eine Vorreiterrolle auf dem Weg zur Smart City zugesprochen. Im Buch „Smart Cities in Europe“ von Maria Sashinskaya wird die Nutzung von Echtzeitdaten im Öffentlichen Personennahverkehr in Berlin als Grundlage für Live-Informationen an Bahnhöfen und innerhalb der VBB App als positives Beispiel für den smarten und zielgerichteten Einsatz von Daten im Smart City Kontext aufgeführt.      

Für die Berliner Bevölkerung ist das mittlerweile normal und wirkt sich daher vermutlich kaum auf das eingangs angesprochene schlechte Zwischenzeugnis aus. Den Berlinern ist einfach nicht bewusst, welche zukunftsträchtigen und innovativen Projekte es von und in Berlin gibt. Das einzige Berliner Großprojekt, welches es mit verlässlicher Regelmäßigkeit in die öffentliche Wahrnehmung schafft, betreibt Innovation lediglich in der sehr flexiblen Handhabung von Deadlines und sorgt dadurch eher für humoristische Highlights.

Dem könnte man nun völlig zurecht zahlreiche positive Beispiele entgegensetzen. Das Projekt Zukunft Berlin hat kürzlich einen mit 100.000€ dotierten Wettbewerb zum Thema Smart Wearables ausgerufen, das Berliner Unternehmen INVR.SPACE hat 2016 über 100 Projekte im Bereich Virtual Reality (VR) umgesetzt und GreenPack möchte Berlin durch umweltfreundliche, austauschbare Akkumodule auf die eMobilität vorbereiten.

Aber “Perception is Reality”. Das heißt, wenn die Berliner nicht daran glauben, dass ihre Stadt smart ist, dann ist sie es irgendwie auch nicht. Es hilft daher wenig, wenn in einem Strategiepapier dann Sätze wie der folgende stehen:

“Das smarte Berlin ist also ein Siedlungs- und Wirtschaftsraum, der sich unter einem systemisch- intermodalen Einsatz von innovativen Technologien, Materialien und Dienstleistungen nachhaltig entwickelt.”

Die Kernaussage ist gut, richtig und wichtig. Aber als Icebreaker beim nächsten Networking-Event dient sie nicht.

#SmartCity funktioniert nur mit Menschen. Die technische Umsetzung innovativer Ideen reicht nicht. Klick um zu Tweeten

Das heißt bevor man in die komplexe Umsetzung geht, sollte man die folgenden Fragen beantworten können:

  • Welche Probleme möchte man lösen, basierend auf konkreten Bedürfnissen der Bürger und Unternehmen?
  • Wie kann man möglichst einfach möglichst einfache Lösungen zur Verfügung stellen, um das Interesse und die Wirksamkeit frühzeitig zu prüfen?
  • Wo kann man diese Lösungen anbieten, damit sie schnell und einfach gefunden und bedient werden können?
  • Und wie kann man alle, die es betrifft, darüber informierten, dass und wo es diese Lösungen gibt?

Es braucht gute Geschichten. Denn bevor man Engagement bekommt, muss man Interesse wecken. Es muss über die kleinen und großen Erfolge berichtet werden. Anekdoten, die man sich merken und weitererzählen kann und die im besten Fall weitere Menschen dazu anregen sich stärker mit ihrer Stadt zu beschäftigen. Je mehr Menschen sich für ihre Stadt interessieren, sich engagieren und darüber kommunizieren, desto größer ist die Chance für nachhaltige Smart City Initiativen.

 

Smart City Blues – 5 Gründe warum viele Städte (noch) nicht schlau sind
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