“Vorfreude ist die schönste Freude” heißt es. So richtig darüber nachgedacht, was dahinter steckt, habe ich eigentlich erst in den letzten Wochen, nachdem ich zufällig über einen Vortrag aus dem Jahre 2013 zum Thema “Management Methoden” von Simon Sinek (Bekannt geworden durch den Klassiker Start with Why) gestolpert bin. Sinek beschreibt darin in seinem äußerst unterhaltsamen aber wissenschaftlich sicher nicht ganz lupenreinen Präsentations-Stil, welchen Einfluss unsere Glückshormone auf die Motivation und Leistungsfähigkeit von Arbeitskräften haben und wie man dem als Führungskraft Rechnung tragen sollte.

Im Wesentlichen unterscheidet er zwischen egoistischen (Dopamin und Endorphin) und selbstlosen (Serotonin und Oxytocin) Glückshormonen. Meiner natürlichen Neugier folgend habe ich mich intensiver mit der Thematik beschäftigt und recht schnell gemerkt, dass die Realität nicht ganz so schwarz-weiß ist. Aber wann ist sie das schon?

Insofern lohnt sich ein Blick auf den Einfluss der chemischen Reaktionen in unserem Körper auf uns und unsere Umwelt. Sowohl unser eigenes Verhalten als auch das unserer Mitmenschen wird durch dieses Wissen hin und wieder ein bisschen weniger kryptisch.

Was sind Glückshormone?

Im Allgemeinen bezeichnet man als Glückshormone bestimmte Botenstoffe, die Glücksgefühle und Wohlbefinden auslösen. Dazu zählen: Dopamin, Serotonin, Oxytocin, Endorphin, Noradrenalin und Phenethylamin. Die Ausschüttung dieser Hormone ruft eine stimulierende, entspannende, schmerzlindernde oder betäubende Wirkung hervor, weshalb sie auch als körpereigene Drogen bezeichnet werden. Und neben allen positiven Effekten haben sie genauso wie normale Drogen durchaus auch ernstzunehmende Nebenwirkungen. Aber schauen wir uns erst einmal an, um was es geht:

Dopamin

Dopamin gilt als der entscheidende Botenstoff für Glücksempfinden. Es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf alle angenehmen Dinge und motiviert uns auf diese hinzuarbeiten. Dopamin ist hauptverantwortlich dafür, dass wir Vorfreude empfinden. Im Hinblick auf eine zu erwartende Belohnung (Geld, Nahrung, Sex oder ein Drogenkick) sind wir dank Dopamin bereit auch überproportional große Anstrengungen zu unternehmen.

Dank Dopamin warten wir nicht erst bis wir tatsächlich Hunger haben, bevor wir einkaufen gehen. Stattdessen drängeln wir uns in freudiger Erwartung auf die Nahrungsaufnahme selbst Samstags vormittags durch den völlig überfüllten Lebensmittelhändler unserer Wahl. Evolutionär gesehen macht das jede Menge Sinn, da es ja mal eine Zeit gab, als die Nahrung nicht einfach so auf den Verzehr gewartet hat und man sich daher besser rechtzeitig auf den Weg zum nächstgelegenen Mammut-Rastplatz machte. Diese Jagd nach dem nächsten Dopamin-Kick kann allerdings süchtig machen. Den Körper interessiert es nämlich erstmal nicht, ob es sich um eine konstruktive oder destruktive Motivationsspritze handelt. Hauptsache es gibt eine Belohnung.

Serotonin

Serotonin hingegen ist ein absoluter Stimmungsaufheller. Es gibt uns das Gefühl von Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit und wird deswegen auch als “Feel Good”-Botenstoff bezeichnet. Darüber hinaus wirkt Serotonin schlaffördernd, entspannend, motivationsfördernd und antidepressiv. Im Umkehrschluss wird die Entstehung einer Depression daher häufig auch mit einem Mangel an Serotonin in Zusammenhang gebracht. Es gibt verschiedene natürliche Auslöser für die Produktion von Serotonin. Dazu gehören Sonnenlicht, sportliche Betätigung und verschiedene Nahrungsmittel wie kakaohaltige Schokolade und Obst. Interessanterweise fördert auch die Erfahrung von Wertschätzung und Anerkennung sowohl als Sender als auch als Empfänger die körpereigene Serotoninproduktion. Im Gegensatz zu Dopamin geht ein Überschuss an Serotonin in der Regel nicht mit erhöhter Suchtgefahr einher.

Endorphin

Endorphin wird oft als Schmerzkiller bezeichnet. Insbesondere beim Sport, wenn wir an unsere Belastungsgrenze gehen, wird Endorphin ausgeschüttet. Läufer sprechen ins solchen Situationen vom “Runners High”. Aber auch in Notfallsituationen oder bei Verletzungen kommt das „körpereigene Morphium“ zum Einsatz.

Oxytocin

Oxytocin steht für den menschlichen Zusammenhalt. In erster Linie prägt es die Mutter-Kind-Beziehung. Darüber hinaus fördert es aber auch das allgemeine Wohlbefinden, wenn wir uns geborgen fühlen und steigert Empathie und soziale Kompetenz. Angst und Stressgefühle werden gemindert.

Noradrenalin

Noradrenralin steuert unseren Aufmerksamkeitsgrad, steigert die Motivation und fördert die geistige Lernbereitschaft. Es wird z.B. in geistig oder körperlich stressigen Situationen wie zum Beispiel während einer wichtigen Prüfung oder beim sportlichen Wettkampf ausgeschüttet. Und auch wenn man morgens um 3:00 noch an der Präsentation für den kommenden Mega-Pitch arbeitet, ist Noradrenalin häufig mit von der Partie.

Phenethylamin

Phenethylamin ist quasi der Liebestrank unter den Hormonen und für Lust- und Glücksempfindungen verantwortlich. Wer einmal frisch verliebt war, hat die Wirkung von Phenethylamin mit hoher Wahrscheinlichkeit in Form von Kribbeln im Bauch und Herzklopfen am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Gute Botenstoffe, schlechte Botenstoffe

Es liegt mir nun fern die menschliche Gefühlswelt nur auf einen chemisch produzierten Hormon-Cocktail zu reduzieren. Einerseits ist das menschliche Wesen sicherlich um einiges komplexer als es mein „Kratzen an der Oberfläche“ vermuten lässt und andererseits: Wer will das schon? Das ist ja komplett unromantisch.

Und trotzdem ist es interessant, sich vor diesem Hintergrund noch einmal über den Sinn und Zweck einiger menschlicher Verhaltensweisen wie zum Beispiel Vorfreude Gedanken zu machen. Menschen, die etwas haben, worauf sie sich freuen können, bekommen ihren Dopamin-Kick. Eine kleine Dosis mit jedem Schritt Richtung Belohnung. Sei es das Abarbeiten der To-Do-Liste, der nächste Urlaub, das schöne neue Kleid, das Feierabend-Bier oder der One-Night-Stand am Freitag Abend. Dass dies die Menschen motiviert und antreibt wurde schon sehr früh erkannt und entsprechend auch direkt in der amerikanischen Verfassung verankert („The Pursuit of Happiness„). Aber – und da hat Sinek meines Erachten nicht ganz Unrecht – Dopamin ist ein sehr egoistisch gelagertes Glückshormon. Denn ob das Abhaken der To-Do-Liste einem anderen Menschen schadet oder nutzt, ist für den Ausstoß von Dopamin erst einmal egal. Hinzu kommt das hohe Suchtpotenzial. Es gibt keine natürlich Sättigung. Je mehr Dopamin desto besser. Ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich also eher unsozial.

Dem gegenüber steht beispielsweise Serotonin. Ein hoher Serotoninspiegel führt zu mehr Gelassenheit, Glückseligkeit und Wohlbefinden. Verhaltensweisen, die es heutzutage gerne auch ein bisschen häufiger geben könnte. Nur leider ist das Angebot an potenziellen Serotonin-Kicks in unserer heutigen Gesellschaft nicht ganz so stark etabliert.

Alles Dope oder was

Und damit kommen wir zur interessanten Frage: was hat das für einen Einfluss auf die Zukunft unserer Gesellschaft?

Wenn man sich das aktuell vorherrschende, kapitalistisch geprägte Gesellschaftssystem ansieht, ist es doch sehr auffällig wie stark das heutige Leben auf die Ausschüttung von Dopamin ausgelegt ist.

Im Job arbeiten wir mit Tasklisten, Bonus-Sytemen und Motivationscoaches, die einem beibringen, sich kurz- mittel- und langfristige Ziele zu setzen. In der Schule gibt es Notensysteme. In der Freizeit Konsum, Alkohol, Drogen, Sex und Rock‘n’Roll. Verstärkt wird das Ganze durch die von der Dauer-Werbe-Überflutung geschürten Angst, den nächsten Dopamin Kick zu verpassen.

Jetzt bitte nicht falsch verstehen: Dopamin treibt uns an und das ist gut so. Ich selbst liebe es Tasks abzuhaken und freue mich über jede glücksgefühlauslösende Eigenleistung – und sei es nur das nächste Level bei Candy Crush. Aber – auch das ist eigentlich kein großes Geheimnis – in dem Moment, wo man sein Ziel erreicht hat, das Kleid gekauft oder die Gehaltserhöhung durchgewunken wurde, ist das Glücksgefühl auch bald wieder vorbei und man braucht das nächste Level. So richtig zufrieden ist man selten. Zumindest wenn man sich allein auf Dopamin verlässt.

Und darum stellt sich mir die Frage: müssten wir uns künftig nicht ein bisschen mehr um die anderen Glücksbringer kümmern? Was ist mit Serotonin? Müsste man sich als Gesellschaft nicht viel stärker damit befassen, wie man den Menschen mehr Freiraum für sportliche Betätigung, bessere Ernährung, mehr Sonnenlicht und vor allem mehr Respekt und Wertschätzung bieten könnte? Würden wir da nicht alle von profitieren? Ist “Nicht gemeckert ist genug gelobt” wirklich der richtige Ansatz?

Das Streben nach Glück

Ich bin ein großer Fan von Teamsportarten, weil ich glaube, dass Anerkennung, Respekt und Wertschätzung in diesem Mikrokosmos eine große Rolle spielen um dauerhaft Spaß zu haben UND erfolgreich zu sein. Bereits im frühen Kindesalter übt man Anerkennung und Wertschätzung gegenüber sich selbst, seinen Teamkollegen und den Gegnern. Man lernt mit eigenen Fehlern und denen der anderen konstruktiv umzugehen. Und man feiert Erfolge und verarbeitet Niederlagen mit dem Ziel als Team besser zu werden. Und all dies – durch unser chemische Brille betrachtet – ohne Suchtgefahr und übertriebenen Egoismus. Aber wie sieht das in anderen Lebensbereichen aus? Im Job? In der Schule? In der Politik? Im Internet? Shitstorms hier, alternative Fakten, Fake News und Burn-Outs da. Ist das schon der Weisheit letzter Schluss?

Natürlich kann man die Menschen nicht zu ihrem Glück zwingen. Und natürlich kann man argumentieren, dass jede Gesellschaft das kriegt, was sie verdient. Und solange die Leitmotive “Wirtschaftswachstum”, “Gewinnoptimierung”, “Humankapital” und “Geiz ist Geil” heißen, ist eine entspannte, weniger Dopamin getriebene Gesellschaft nicht unbedingt das demokratisch gewählte Primärziel. Für Sport und gesellschaftliches Miteinander bleibt vergleichsweise wenig Zeit. Gute Ernährung ist zu teuer. Und die Sonne blendet zu stark auf dem Notebook-Display, als dass man das Büro guten Gewissen für längere Zeit verlassen könnte. Aber gut. Es spricht ja generell auch nichts dagegen, dass sich die Leute für einen gesunden Fortschritt ein bisschen ins Zeug legen. Wohlfühlen kann man sich dann ja noch, wenn man alt ist.

Und trotzdem glaube ich, wenn wir eine zukunftssichere Gesellschaft gestalten wollen, dann müssen wir uns auch damit beschäftigen, was Menschen wie motiviert und welche Anreize zur Zeit dafür gesetzt werden.

Wollen wir als Gesellschaft künftig vielleicht doch ein bisschen mehr Streben nach Glück und ein bisschen weniger Streben nach Kick?

Die Annahme, man könnte dies alles mit ein paar chemischen Prozessen begründen, ist sicherlich zu eindimensional. Aber selbst ohne das Wissen um die Glückshormone ist der Wunsch nach weniger Egoismus und mehr Gemeinschaft kaum überraschend. Und es gibt da mittlerweile viele Initiativen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Ich werde mir diese demnächst mal etwas genauer ansehen.   

Breaking Good – Wie Chemie unser Leben verbessert!
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Ein Gedanke zu „Breaking Good – Wie Chemie unser Leben verbessert!

  • 12. April 2017 bei 19:06
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    Nicht gemeckert ist genug gelobt würde ich sagen 😀

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