Ich war Campen. Naja, nicht so wie früher. Mit einem Wochenendticket, ein paar pubertierenden Freunden und einem kaputten Zelt. Sondern eher so Camping Deluxe. Mit einem Wohnmobil. Meiner Frau und meinen zwei Töchtern. Zweieinhalb Wochen mit zweieinhalb Mädels auf engstem Raum durch ganz Deutschland (und ein bisschen durch die Schweiz). Man kann sich darüber streiten, was da die größere Herausforderung ist. Aber was letztendlich zählt ist: wir hatten eine großartige Zeit.

Unsere Urlaube gingen bisher eigentlich immer eher nach Norden und eher ins Ferienhaus. Mit Wald und Wiese und Strand. In den Bergen waren wir höchstens im Winter mal zum Wintersport. Bis auf Rügen und Mallorca haben wir von Deutschland bisher ehrlich gesagt noch gar nicht so viel gesehen. Und jetzt einmal quer durch. Über den Harz, am Rhein runter, ein Kurzbesuch bei der liebsten Verwandtschaft und dann über Bodensee, Frankenthal und “Thüringer Meer” wieder zurück. Wer hätte gedacht wie schön Deutschland ist. Und wie wenig es einen stört, zu viert auf 14 qm Urlaub zu machen. Und was einem sonst plötzlich Spaß macht, was man normalerweise eher lästig findet. Hier kommt meine ganz persönliche kleine Liste der 8 Dinge, die mir beim Camping-Urlaub plötzlich Spaß gemacht haben.

Landstraßen

Fangen wir mit etwas Offensichtlichem an. Landstraßen. Früher hasste ich Landstraßen. Ca. alle drei Kilometer kommt ein Ort mit Baustelle. Außer wenn man einen LKW vor sich hat. Dann kommt 20 km lang gar nichts außer Kurven. Wenn nicht der Weg das Ziel ist sondern tatsächlich das Ziel das Ziel ist, dann sollte der Weg möglichst gerade und möglichst schnell vorbei sein. In einem Wohnmobil ist das anders. Natürlihc will man auch mit einem Wohnmobil ankommen und nicht komplette Tage fahrend verbringen. Aber “Ankommen” ist plötzlich nicht mehr ganz so wichtig. Plötzlich ist tatsächlich der Weg das Ziel, oder zumindest ein Teil davon.

Man mag gar nicht glauben, wie schöne Landstraßen es in Deutschland gibt und wieviele interessante und auch sehr unterschiedliche Gegenden. An einem Tag sind wir einfach von der Autobahn abgefahren und haben in Germersheim am Rhein Halt gemacht. Die Kinder haben ein halbes Stündchen auf einem Spielplatz gespielt, wir haben uns ein halbes Stündchen den Rhein angeschaut und dann haben wir ein halbes Stündchen auf eine Pilzsuppe gewartet. Und dann ging es weiter.

Ein anderes Mal sind wir von der französischen Grenze, über den Schwarzwald nach Neuhausen gefahren, um uns dort im strömenden Regen den Rheinfall anzusehen. Und – man verzeihe mir das plumpe Wortspiel – es war trotz einer Luftfeuchtigkeit wie in der Waschanlage bei weitem kein Reinfall. Wir haben innerhalb weniger Stunden nicht nur zwei Landesgrenzen sondern auch gefühlt drei Wetterphänomene durchquert: Sonne im Flachland, Nebel aufm Berg und Rundumbewässerung am Wasserfall.

 

Und das Tollste. Wir hatten unseren Kleiderschrank samt Ausstattung für alle Wetterlagen ja immer mit dabei. Ein Wohnmobil ist quasi das Drei-Wetter-Taft der Transportmittel (die älteren Werbejunkies unter Ihnen werden die Anspielung verstehen).

Unsicherheit

Ich arbeite in einem – wie es so schön heißt – agilen Umfeld im Bereich Innovation und Digitale Transformation. Eines meiner Standardzitate wenn es um agile Softwareentwicklung geht ist: “Embrace Uncertainty” also ungefähr soviel wie “Freunde dich mit Unsicherheiten an”. Im privaten Umfeld ist dieser Grundsatz allerdings noch nicht so ganz angekommen. Gerade mit zwei Kindern ist Unsicherheit normalerweise so ziemlich das Letzte, mit dem man sich anfreunden möchte. Daher ist es uns auch sehr schwer gefallen, die Reise nicht komplett durchzuplanen. Um ehrlich zu sein haben wir das sogar getan. Einen Tag nachdem das Wohnmobil gebucht war, haben wir uns zusammengesetzt und die komplette Route Tag für Tag durchgeplant. Wir waren kurz davor die einzelnen Campingplätze tageweise zu buchen. Ca. 9 Monate im Voraus.

Jetzt bin ich mir relativ sicher, dass man uns ausgelacht hätte. Mittlerweile weiß ich, dass man sich ein Wohnmobil mietet, damit man gerade nicht ewig im Voraus buchen muss. Zum Glück haben uns einige Camping-Kenner aus dem engeren Umfeld rechtzeitig darauf hingewiesen, dass eine konkrete Planung der Reiseroute 9 Monate im Voraus ungefähr so sinnvoll wäre, wie die Reservierung eine Portion Pommes zwei Wochen vorm Freibadbesuch. Und somit haben wir uns lediglich eine Camping-App vom ADAC heruntergeladen und uns dann entgegen aller bisherigen Urlaubstraditionen treiben lassen. Naja, zumindest größtenteils. 1-2 fixe Stationen unserer ursprünglichen Planung haben wir dann doch beibehalten. Aber das, so hört man, ist wohl durchaus erlaubt.

Kultur

Im Nachhinein kann man ehrlich sagen, dass einige der schönsten Erlebnisse unseres Urlaubs gerade durch die von uns im Vorhinein fest eingeplante Spontanität zustande kamen. Dazu gehörte unter anderem auch ein komplett überraschender Kurzbesuch der Basilika Vierzehnheiligen. Hätten Sie gewusst, dass es in Deutschland lediglich 76 sogenannte Basilicaes Minores gibt, und dass dies ein vom Papst höchstpersönlich verliehener Eherntitel ist, und das die Basilika Vierzehnheilgien bei Bad Staffelstein tatsächlich die erste deutsche Kirche war, die 1897 von Papst Leo XIII in den Rang einer Basilica Minor erhoben wurde. Und hätten Sie gewusst, warum diese Basilika Vierzehnheiligen heißt und was das Ganz mit Nothelfern und Geisterkindern zu tun hat. Wir hatten jedenfalls bis vor zwei Wochen noch nie davon gehört geschweige denn, dass es uns überhaupt interessiert hätte. Jetzt wissen wir es. Und unsere Kinder auch. Und wir werden es vermutlich nicht so schnell vergessen. Reisen bildet tatsächlich. Gerade die Tatsache, dass man nachmittags etwas lernt, woran man vormittags nie gedacht hätte, hat einen ganz besonderen Reiz. Ach ja, und der Blick von da oben war auch klasse.

Small Talk

Ich hasse Small Talk mit fremden Leuten. Normalerweise. Was bringt dieser unnütze Austausch von offensichtlichen Informationen? Jeder sieht doch wie das Wetter draußen ist. Muss man das extra erwähnen. Und worüber soll man sonst sprechen, wenn nicht über das Offensichtliche? Politik, Liebe, Krankheiten? Das ist mir alles zu heikel. Nicht dass mich das nicht vielleicht sogar interessieren würde, aber man will dem Gegenüber ja auch nicht irgendein Thema aufdrängen auf die Gefahr hin, damit unnötig wertvolle Zeit zu verplempern.

Beim Campen – oder genauer auf einem Campingplatz – ist das anders. Man weiß, dass der gegenüber und auch man selber genau deswegen hier ist. Um Zeit zu verplempern. Das heißt, der Druck besonders geistreich oder originell zu sein, damit der Gesprächspartner nicht das Gefühl bekommt, gerade etwas viel Besseres zu verpassen, ist raus. Das einzige was man verpassen könnte, ist eine halbe Stunde im Campingstuhl oder das vierte Mal im See baden. Im schlimmsten Fall muss der Gang zum Campingkiosk etwas nach hinten verschoben werden. Die Gefahr, etwas zu verpassen, geht auf einem Campingplatz gegen null. Nein, ganz im Gegenteil. Stattdessen gibt es direkt sinnvolle Gesprächsthemen, weil man weiß, dass alle ganz ähnliche Fragen beschäftigen. Wo kommt ihr her? Wo fahrt ihr hin? Könnt ihr was empfehlen? Wo gibt es die Brötchen? Vorsicht, die Tür zu den Spülbecken ist ein bisschen niedrig, ich habe mich schon zweimal gestoßen.

Small Talk ist auch beim Camping noch Small. Aber auf einer Wohnmobiltour sind gerade die kleinen Dinge das Salz in der Suppe.

Abwaschen

Apropos: kleine Dinge. Ja, selbst der tägliche Abwasch macht beim Camping irgendwie Spaß. Man steht immer wieder an einem anderen Waschbecken. Mit immer anderen Menschen. Manchmal kommt eins der Kinder mit zum Helfen und man kann wirklich nichts anderes tun als meditativ das bunte Plastikgeschirr sauber zu wischen und sich über Dinge zu unterhalten für die normalerweise keine Zeit oder gar nicht der passende Gesprächspartner da ist. Man kann nur hoffen, dass die Campingplätze nicht irgendwann flächendeckend Geschirrspüler einführen. Das wäre schon schade. Da wäre ich dann ausnahmsweise mal Digitalisierungsgegner.

Kochen

Ok, gut. Das passt nicht so ganz in die Liste. Ich koche auch sonst gerne. Aber irgendwie anders. Erstens entscheiden wir normalerweise, was es gibt, dann kaufen wir die Sachen ein und dann wird es inspiriert durch ein Chefkoch-Rezept umgesetzt. Beim Camping ist das anders. Auch wenn die meisten Wohnmobile heutzutage eine vollfunktionsfähige Küche inklusive Spüle, Kühlschrank und einen Gasherd besitzen, muss man deutlich mehr improvisieren. Einerseits sind die Vorräte begrenzt. Im schlimmsten Fall ist man darauf angewiesen, was der Camping-Kiosk vorrätig hat. Biofleisch, Schmelzkäse oder auch Tomaten gehören nicht notwendigerweise dazu. (Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass uns die Campingplatzleiterin auf unserem Lieblings-Campingplatz in Saalthal am “Thüringer Meer” auf mehrfache verzweifelte Nachfrage hin extra frisches Gemüse aus dem Nachbarort mitgebracht hat. Auch sowas erlebt man nur, wenn man bei der spontanen Anreise vergisst, dass Sonntag ist und man sich deshalb keine neuen Vorräte besorgen konnte).

Fazit: Kochen im Wohnmobil ist nicht gleich kochen, aber solange die Kinder sowieso immer nur Nudeln wollen, hält sich die Herausforderung in Grenzen. Und ich muss gestehen, 2-3 mal waren wir auch einfach auswärts essen. Man möchte ja die lokale Küche kennenlernen, wenn man schon mal in unbekannten Gefilden ist.

Langeweile

Ich hatte kürzlich im Artikel „Zeit ist das neue Geld“ darüber nachgedacht, dass Reisen und die damit verbundenen Erlebnisse ein viel besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis haben als irgendwelche Besitztümer. Weil Erinnerungen geschaffen werden. Die letzten drei Wochen haben diese These für mich persönlich voll bestätigt. Wir haben so viel gesehen, gelernt und erlebt, dass es sich eher wie 5 oder 6 Wochen anfühlt. Aber trotzdem hatten wir zwischendurch immer wieder Phasen des Nichtstuns. Auf der A2, im Campinghocker oder auf dem Tretboot. Und es war herrlich. Nicht produktiv sein. Die Seele baumeln lassen. Bis von irgendwoher irgendjemand laut „Papa“ ruft.

Nervige Kinder

Ja, ich meine unsere eigenen Kinder. Bitte nicht falsch verstehen. Wir lieben die beiden Mädels über alles, aber wie alle anderen Kinder (hoffentlich) auch, rauben sie uns manchmal den letzten Nerv. Während man der 8-jährigen ohne Pinzette versucht einen Bienenstachel aus dem Fuß zu operieren, fällt der 3-jährigen ein, dass sie jetzt unbedingt in den See möchte und tut dies entsprechend lautstark kund. Nur um kurz darauf, während das andere Kind noch mit einem Fußverband versorgt wird, wenn man ihr die Schwimmärmchen gerade angelegt und sich schon bis zu den Knien ins Wasser vorgearbeitet hat, festzustellen, dass es jetzt dringend auf Toilette muss. Dem anderen Kind geht es nach der hervorragenden Erstversorung wieder besser. Aber es braucht jetzt umgehend Schnur, Klebstoff, Buntpapier, Stifte und einen Stock, um sich eine Angel und die dazugehörigen Fische zu basteln. Wenn das kleine Kind von der Toilette zurück ist, möchte es auch eine Angel. Aber die Fische haben die falsche Farbe. Ach ja, in eine Biene wird es kurze Zeit später auch noch reintreten. Was die große Schwester kann…

Aber ganz ehrlich. Der Kühlschrank, trockene Sachen, Sonnencreme, was zu trinken und das Bett sind immer in Reichweite. Und es gibt keinen Zeitplan, keine Termine, keine Pflichten, um die man sich paralell noch kümmern muss.  Beim Camping ist das alles halb so wild. Und auch die Kinder haben so viele andere Sachen zu tun, dass sie selbst, wenn sie sich sehr große Mühe geben, nur äußerst selten einen kritischen Stresslevel erreichen. Und irgendwann ertappt man sich dabei, dass das was einen im Alltag so stresst („nein, jetzt ist Schluss, wir können nicht noch ein zweites Buch vorlesen“), oft eigentlich gar nicht von den Kindern ausgeht, sondern von einem selber.    

Tja, und damit kommen wir auch schon zu einer interessanten Erkenntnis. Denn fast alle diese Dinge, sind nicht deshalb plötzlich besser, weil man mit einem Wohnmobil unterwegs ist oder auf einem Campingplatz übernachtet. Tatsächlich hat man einfach deswegen so viel mehr Freude an Small Talk, Landstraßen und nervigen Kindern, weil man die Zeit und die Gelegenheit dazu hat. Weil der fehlende Plan und die damit verbundene Unsicherheit dazu führen, dass man sich auf den aktuellen Moment konzentriert und nicht gedanklich schon 2 Stunden oder 2 Tage weiter ist und überlegt, was noch alles erledigt werden muss. Zu einem gewissen Grad trifft das natürlich auf alle Arten von Urlaub zu. Aber bei der Reise mit dem Wohnmobil ist nicht nur der Zeitplan flexibel sondern auch der Lageplan. Wenn man nicht weiß, wo man morgen sein wird, dann kann man auch einfach bleiben, wo man jetzt gerade ist. Oder eben nicht. Braucht man sich jetzt noch keine Gedanken drüber machen. Kann man sich jetzt erstmal auf jetzt konzentrieren. Komisches, befreiendes, großartiges Gefühl!

Also wenn Sie mal nicht wissen, wohin im Urlaub. Herzlichen Glückwunsch. Dann haben Sie nämlich schon die richtige Einstellung. Mieten Sie sich ein Wohnmobil. Ein paar praktische Tipps zum Reisen mit Wohnmobil finden Sie zum Beispiel hier:

Unsere Top 3 Campingplätze:

Campingplatz Saalthai – Alter in Thüringen

Gemütlicher kleiner Campingplatz am Hohenwarte-Stausee. Sehr nette Campingplatzleitung. Stellplatz direkt am Wasser. Die Anfahrt ist ein wenig abenteuerlich. PS: nicht von der etwas überholten Webseite abschrecken lassen.

Gutenbornerhof in Weinheim in Rheinhessen.

Kleiner aber feiner Campingplatz mitten im Weingebiet. Abends gibt es Weinverkostung und tagsüber eine Wanderrute durch die leicht hügelige, herrliche Landschaft.

 

Campingpark Wolkenried im Harz.

Sehr kinderfreundlicher Campingplatz mit Hallenbad, Minigolf und Unterhaltungsprogramm für die lieben Kleinen. Als wir da waren wurde z.B. gemeinsam Rittersuppe über offenem Feuer gekocht.

8 Dinge, die beim Camping mit Wohnmobil plötzlich Spaß machen
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